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Die Geschichte der Gregorianik (12. Jahrhundert bis heute)
 

Durch all diese Neuerungen, Veränderungen und Entwicklungen wurde die horizontale, frei schwingende Linie der gregorianischen Melodien nach und nach verlangsamt, gehemmt, ja beinahe gelähmt, und sie sollte ihre ursprüngliche rhythmische Freiheit nie wieder zurückgewinnen. Das spiegelt sich auch in den Handschriften wider: die linienlosen Neumen verschwinden bis auf  Schrifttyp sehr bald, und mit ihnen die Erinnerung an die frei schwingende Bewegung, die sie symbolisierten.

Die diastematischen Notationen hingegen werden in Wiedergabe der Tonhöhen immer genauer: zuerst ordnen sich die Zeichen um eine Linie, bald zwischen zweien schließlich vier Linien. Doch je perfekter die Diastematie wird, d.h. je genauer die Tonhöhenabstände werden, umso weniger sagen die Notationen aus über den Rhythmus. Einige dieser Notationen lassen zwar durch graphische Gruppierung noch einen gewissen Zusammenhang zwischen den einzelnen Tönen erkennen, in Einzelfällen bleibt auch noch die Bewegungsrelation von einem Ton zum anderen sichtbar. Die Tonhöhen werden aber auch als isolierte Punkte geschrieben, die bisweilen so zusammenhanglos nebeneinander stehen, dass schon ihr Anblick dazu verführt, jeden Ton gleich lang und gleich laut zu singen. Die Wandlung des Schriftbildes und die damit einsetzende graphische Nivellierung zog zwar einerseits die akustische Äqualisierung nach sich, sie war aber andererseits auch Folge derselben nach dem Prinzip: man schreibt, was und wie man singt, man singt aber auch so, wie man es geschrieben sieht.

Dem Schriftbild nach zu urteilen scheint der gregorianische Choral bereits ab dem 12. Jahrhundert viel von seiner ursprünglichen Vitalität eingebüßt zu haben und wurde im Verlauf der folgenden Jahrhunderte zu einem unansehnlichen kirchlichen Gesang, der in den Ohren der Humanisten des 16. Jahrhunderts sogar „barbarisch“ klang. In dem Maße nämlich, in dem Töne äqualisiert wurden, begannen sie, der Sprache Gewalt anzutun. Dass musste umso mehr als unerträglich empfunden werden, als die Musik gerade in dieser Zeit begann, Sprache auf höchst kunstvolle Art zum Erklingen zu bringen. Und so mehrten sich die Stimmen derer, die forderten, den gregorianischen Choral entweder ganz abzuschaffen oder von Grund auf umzuarbeiten. Ersteres war nicht möglich, da Rom gerade erst im „ Missale Tridentinum“ von 1570 die Alleingültigkeit der lateinischen Sprache im Gottesdienst und den Wortlaut  der Gesangstexte der Messe festgeschrieben hatte. So beauftragte der Papst zwei Schüler des großen Meisters Palestrina, Felice Anerio und Francesco Suriano, die gregorianischen Melodien zu überarbeiten. Diese Überarbeitung erschien im Jahre 1614 und hieß „Editio medicaea“, nach der Druckerei der Familie Medici, in der das Buch gedruckt wurde. Damit war der authentische gregorianische Choral auch in der Praxis zu Ende. Zwischen 1800 und 1900 sang wohl niemand mehr in Europa diese Melodien.

1833 wurde als eines der ersten Klöster in Frankreich Solesmes wiederbegründet. Auf der Suche nach den ältesten Zeugnissen der römischen Liturgie stießen die Mönche auf die Quellen des authentischen gregorianischen Chorals, von dem man, angesichts der bereits über zweihundert Jahre dauernden, nahezu weltweiten Verbreitung der „Editio medicaea“, nichts mehr wusste. Sie sind fasziniert von diesen Melodien, deren Alter und Echtheit sie auch wissenschaftlich sehr bald beweisen können, und setzen sich leidenschaftlich für die Wiedereinführung dieser Gesänge in die römische Liturgie ein. Dies geschieht im 1903 durch Papst Pius X.

Doch die „Editio typica“, wie nun die von Rom veröffentlichte offizielle Ausgabe des Gregorianischen Chorals hieß, war im Grunde genommen nicht mehr als eine genaue Tonhöhenangabe in fein stilisierter Quadratnotenschrift. Die Frage war nun, wie man diese neuen Melodien singen sollte. Das so genannte „Rhythmussystem von Solesmes“, nach seinem Erfinder auch „Mocquereau-System“ genannt, fand schnell weltweite Anerkennung und Verbreitung: Es beruht auf Unteilbarkeit des Zeitwertes jeder Note und dem strengen rhythmischen Gleichwert jedes Tons, Äqualismus genannt. Besonders wegen letzterem wurde dieses Interpretationssystem von der kirchlichen Autorität in gewisser Weise sogar vorgeschrieben. Da ein nach diesem System gestalteter Vortrag der Gesänge eine vom Sänger als Individuum getragene Interpretation eher unterband als ermöglichte, schien es besonders geeignet, den „objektiven“ Vollzug der gottesdienstlichen Feier auch in musikalischer Hinsicht zu garantieren.

Eugene Cardine, ebenfalls Mönch der Abtei Solesmes begann die Frage nach dem „Rhythmus“ in den gregorianischen Gesängen neu zu stellen und begründete 1952 als Professor für musikalische Paläographie am päpstlichen Musikinstitut in Rom einen neuen Forschungszweig, die „Semiologie“. Es ist die Wissenschaft von den ältesten Zeichen, den Neumen, mit denen im 10. Jahrhundert die gregorianischen Melodien zum ersten Mal schriftlich fixiert wurden. Besonders aus den bekannten Neumenschriften von St. Gallen und Metz lassen sich an den verschiedenen Formen dieser Zeichen differenzierte Bewegungsnuancen ablesen. 1979 erschien das „Graduale Triplex“, in dem über die Quadratnotation die Neumen von St. Gallen und Metz geschrieben sind. Dadurch ist nun eine Interpretation der Gesänge möglich, die sich weitestgehend der authentischen Tradition anzunähern vermag.

Prof. Godehard Joppich

 
 
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